4.2.3 Psychologische Grundpfeiler der wirth method

Beschreibung durch Prof. Dr. Erich Vanecek

Aufmerksamkeitsschwankungen: Wir unterscheiden drei Oszillationen der Aufmerksamkeit:

1. Kurzfristige Schwankungen mit einer Phase von ca. 10 bis 12 Sekunden.
2. Mittelfristige Schwankungen von ca. 10 bis 15 Minuten und
3. Langfristige Schwankungen (Schwankungen der Daueraufmerksamkeit oder Vigilanz) von ca. 45 bis 60 Minuten. Die kurzfristigen Schwankungen überlagern die Längerfristigen.

wirth method (wm):

Dauer einer Session von ca. 45 min berücksichtigt.
Daueraufmerksamkeitsschwankung und
Intensivphasen dauern kaum länger als 5–7 Minuten.

Gedächtnisspeicher:

1.     Das Ultrakurzzeitgedächtnis ist ein „Sekundengedächtnis“ von ca. 1 bis 2 Sekunden Dauer. Das eben Wahrgenommene bleibt mit Wahrnehmungscharakter präsent.
2.     Das Kurzzeitgedächtnis speichert Inhalte mit einer Dauer von 10 bis 12 Sekunden. Von diesem Speicher werden Inhalte gezielt in das
3.     Mittelfristige Gedächtnis mit einer Dauer von 10 bis 15 Minuten übertragen.
4.     Das Langzeitgedächtnis: besonders beachtete Gedächtnisinhalte (etwa durch starke Ichbeteiligung) oder wiederholte Inhalte (Lernen) werden in den Langzeitspeicher übertragen.

wm: Besonders durch sprachliche Abwechslung (Betonung, Wechsel in der Lautstärke, durch Signalwörter usw.) und Gestik werden Inhalte vom Ultrakurzzeitgedächtnis in das Kurzzeitgedächtnis übertragen. Durch etwa fünfmalige Wiederholungen in variierter Form             gelangen die Merkinhalte in das Langzeitgedächtnis.

Psychische Sättigung: Zu viele gleichartige Wiederholungen senken die Aufmerksamkeit und führen zu Ablenkung und Abstumpfung.

wm: Das Prinzip des vorläufigen Non-Perfektionismus vermeidet die psychische Sättigung und verhindert Abdriften der Aufmerksamkeit und Ermüdung.

Orientierungsreflex: Die Aufmerksamkeit wendet sich automatisch neuen Reizen zu.

wm: Relativ kurzes Verweilen bei ein- und derselben Aufgabe und Zuwendung zu einem neuen Inhalt und der vorläufige Non-Perfektionismus halten die SängerInnen in Spannung und             verhindern Langeweile.

Lernen durch Lob und Korrektur: Untersuchungen zeigen das Paradoxon, dass der stabilste Lerneffekt zu erzielen ist, wenn 50 % der richtigen Handlung belohnt werden

(und nicht durchgehend  j e d e  richtige Aktion).
wm: Leiter lobt viel, sowohl individuell als auch die ganze Chorgruppe, aber nicht jedes Mal    (verteilte Verstärkung) nach einer gelungenen Aktion.

Motivation: Durch Lob, Ermutigung, Abwechslung und Erkenntnis der eigenen Leistungssteigerung (vorwiegend Qualität) erhält und steigert man die Motivation. Das Leistungsziel darf die gegenwärtigen Fähigkeiten des Individuums nicht übersteigen. Bei einem ausgewogenen Verhältnis von Anspruch und gegenwärtigem Können entsteht das wichtige Flow-Erlebnis.

Kreativität: Wichtige Voraussetzungen um Kreativität zu fördern:
1. Kritik darf nicht zu früh einsetzen,
2. Ermutigung zum Neuen (Nonkonformismus),
3. Angebote von Aufgaben mit mehreren Lösungsmöglichkeiten (divergentes Denken).

wm: Leiter fordert SchülerInnen zum Beispiel zu Improvisationen oder zu kleinen        Kompositionen auf, die er dann mit seiner Klavierbegleitung oder auf einem anderen Instrument       unterstützt. Durch Lob und Beifall der Gruppe entsteht ein Erfolgserlebnis. Eng damit verbunden      ist die Attribuierung (Zuschreibung) von Erfolg und Misserfolg.

Attribuierung – Erfolg-Misserfolgszuschreibung:

Persönliche Erfolge und Versagenserlebnisse werden von verschiedenen Menschen unterschiedlich begründet:

  • Intern: positiv: „Das habe ich gut gemacht, weil ich gut bin.“ Negativ: „Da habe ich versagt, weil ich das gar nicht kann.“
  • Extern: negativ: „Ich könnte es, aber die Aufgabe war schlecht gestellt, drum habe ich sie nicht gekonnt.“ Positiv: „Heute war mir das Glück gewogen, an sich kann ich es nicht. Der Zufall half.“

 

wm: In der wm wird großer Wert auf die interne Attribuierung gelegt. Durch positive Rückmeldung über Gelungenes erfährt der Schüler/die Schülerin eine Stärkung des Ichbildes. Negative Rückmeldungen werden nicht als Versagen konnotiert, sondern es werden Hilfen geboten, um zumindest Teilziele zu erreichen. Dadurch erfährt der Sänger/die Sängerin eine Stützung seiner Leistungsmotivation, denn er erfährt, dass er selbst Defizite ausbessern kann (Hebung der Ich-Stärke, Vermeidung von Hilflosigkeitsgefühlen).

4.2.4 Entwicklungspsychologie und ihre Relevanz zur Chorpädagogik