4.2.2 Gedanken und Hilfestellungen zum Erfolg der Probe/Unterrichtseinheit

Jede TutorIn von Kinder- und Jugendchorgruppen muss mit den wichtigsten Erkenntnissen aus der Entwicklungspsychologievertraut sein, um altersgemäß, einfühlend und mögliche Schwierigkeiten antizipierend, unterrichten zu können.

Kinder brauchen und lieben Rituale! Die TutorInnen werden konsequent bestimmte fixe Abläufe in den Unterrichtseinheiten durchführen. Zum Beispiel:

Aufstehen zu Beginn der Einheit

Lob: Positives Motivieren durch Lob für erbrachte Leistungen. Korrektur durch die LehrerIn erfolgt durch richtiges Vorzeigen durch die LehrerIn oder andere SchülerInnen, durch Wiederholungen und Variationsübungen in Bezug auf die Schwierigkeiten.
Lob und Anerkennung muss viel häufiger auftreten als Tadel!

Positives Motivieren anstatt negativer Zurechtweisung

(Tadel wird weitgehend vermieden)

Kinder prägen sich alles besonders intensiv ein, auf das wir die Aufmerksamkeit lenken. Daher betonen wir niemals die Fehler (eher unerwähnt lassen – vor allem wenn wir ahnen, dass die Kinder die Fehler selbst erkannt haben)

Jede Kritik (Tadel) sollte mit dem Lob eines eventuell auch ganz anderen Aspektes umrahmt werden.

z.B.:    Zu später Einsatz – Körperhaltung loben
Körperhaltung mangelhaft – Aufmerksamkeit loben; oder: Aussprache, Engagement…

Kleine Lernschritte sind in allen Bereichen der Pädagogik essentiell.

Aufnahme- und Verarbeitungsphasen:

Jüngere Kinder können sich nur 10-15 Minuten konzentrieren. Änderungen der Aktivität und regelmäßiges Einbauen von Auflockerungsübung, Rhythmusübung, körperlicher Übung ist wichtig!

Kinder müssen ständig gefordert werden und aktiv sein können.

Keine langen Wartephasen (dieses Problem kann besonders beim Erlernen von mehrstimmiger Musik entstehen)

Musikalisches Training der Theorie und des Notenlesens:

Jede Übung muss immer musikalisch geübt/trainiert werden – eine Übung darf nicht „trocken“ werden.

Die Kinder müssen so trainiert werden, dass sie automatisch Fehler vermeiden.

Jeder Teil der Proben muss so gestaltet werden, dass Fehler, wenn irgendwie möglich, vermieden werden. Bis zum achten oder zehnten Lebensjahr nehmen Kinder Töne, Klänge, Geräusche, Sprache und Dialekte spielerisch, wie selbstverständlich auf und speichert alles unwiderruflich. (Auch die Fehler!)

Wiederholungen sind unerlässlich für das Lernen. Eine unterschiedliche Anzahl von Wiederholungen kann nötig sein.

Wenn wir das Wissen über das Gehörgedächtnis mit der Bedeutung der Wiederholung verbinden, wird der Lernerfolg enorm steigen! Das heißt, wir wiederholen, wenn möglich 5 –10 Sekunden-Teile/Phrasen. Der Lehrer macht es immer zweimal vor, die Kinder wiederholen immer mindestens zweimal!

Bei den Notenleseübungen und Blattsingübungen ist das Wiederholen besonders wichtig. Jeder Teil sollte mindestens 4-mal wiederholt werden.
Die Kinder sollten diese Übungen durchaus auch einzeln singen. Aber immer nur kurze Teile – eventuell nur einen Takt und sofort der nächste Schüler…

Wenn Kinder Schwierigkeiten haben, singen wir mit allen (oder größerer Gruppe) diese kurze Phrase. (Niemals ein Kind öfters wiederholen lassen, das sich mit einer Phrase schwertut – es bekommt großen Stress – keinen Lernerfolg, sondern nur schlechtes Gefühl zum Blattsingtraining.)

Jeder von uns braucht Ziele. Ohne Ziele ist es sehr schwer, die Kinder zu motivieren. Daher ist es sehr wichtig, gemeinsame Ziele zu formulieren. (Ziele die nicht in erster Linie attraktive Ziele der Eltern und Lehrer sein sollten, sondern vor allem der Kinder.)

Die bildhafte Vorstellung vom Erreichen dieses Ziels (dem Erfolg) ist ein wirksames Hilfsmittel! „Stellt Euch vor wie das Publikum begeistert klatschen wird.“

In der wirth music academy ist es nicht nur wichtig, langfristige Ziele zu haben (Konzerte, Aufführungen, Elternabende – die ChorleiterInnen werden diese motivierenden Aktivitäten auf die Zeit am Ende der Semester – knapp vor den Ferien konzentrieren) sondern für jede Unterrichtseinheit muss mit den Kindern ein Ziel formuliert werden. Das mag anfangs schwierig sein, aber Erfahrung und die schriftliche Vorschlagssammlung der Kinder wird es jedes Semester einfacher machen.

Erfolge motivieren. Die Kinder müssen immer mit dem positiven Hintergedanken – ihnen Erfolg zu gönnen – getestet werden. (Wie kann ich dem Kind ein Erfolgserlebnis bieten?) Den Kindern und Jugendlichen und auch deren Eltern müssen Erfolge – auch scheinbar kleine Erfolge – regelmäßig kommuniziert werden.

(Nur wenn man Erfolge hat, macht das, was man macht auch Spaß!)

Emotionalen Stress vermeiden! Nur dann lernen die Kinder und Jugendlichen mühelos.

Ungezwungene Atmosphäre, das bewusste Ansprechen der rechten und linken Gehirnhälften, zum Beispiel mit Bildern, Geschichten usw. und die konsequente, schrittweise Umsetzung der Methodik wird helfen, Stress zu vermeiden.

Auch eine Art mentales Training – besonders für schwierige Stellen im Repertoire oder bei den Übungen – wird helfen Fehler, damit Stress, zu vermeiden. Dieses mentale Training muss den Kindern und Jugendlichen aber auch klar kommuniziert werden, da sonst sehr schnell ein Widerspruch zum Grundsatz des musikalischen Übens entstehen kann. (10-maliges Wiederholen einer kurzen Sequenz)

Kreativität – Immer wieder zwischendurch werden die Schüler animiert kreativ zu arbeiten.

Sei es Texte oder Sprachmelodien zu erfinden, Begleitrhythmen zu improvisieren, Hörerlebnisse optisch auszudrücken oder sogar bei der Gestaltung des Repertoires oder einer Aufführung mitwirken.

Das fördert nicht nur die künstlerische und allgemeine Kreativität der Kinder für ihr ganzes Leben, sondert steigert immens auch den so genannten Buy-in in die Gruppe und Ausbildung.

Gruppendynamik positiv zur Unterstützung der Schwächeren und Akzeptanz der Extreme schnell/gut beziehungsweise langsam/nachholbedürftig lenken.

Das Eingestehen der eigenen Fehler der TutorIn fördert das Vertrauen der Gruppe in die TutorIn und erleichtert es allen Mitgliedern der Chorgruppe, mit den eigenen Fehlern und den Fehlern der anderen problemlos und emotionsfreier umzugehen.

Die Körper-Position immer wieder ändern!

Kinder nicht zu lange stehen lassen, beziehungsweise auch dazwischen manchmal absichtlich entspannt sitzen (lungern?) lassen.
Körperliche Abwechslung ist wichtig!!!
Immer wieder Körperhaltung beachten und korrigieren

Achtung bei störendem Verhalten einzelner:

  • Andere Kinder nicht lange warten lassen, wenn wir uns einzelnen Kindern oder einer Stimmgruppe zuwenden wollen oder müssen.
  • Manchmal ignorieren wir bewusst disziplinäre Probleme, gehen im Unterricht weiter und kümmern uns dann um das Problem, indem vielleicht ein störendes Kind die nächste Phrase vorsingt, klatscht, was auch immer dieses Kind im Stande ist zu machen!
  • Positives Erfolgserlebnis ist in so einem Falle meist viel zielführender als ein Kind zu schwierige Aufgaben zu geben „um ihm zu zeigen, dass es doch nicht alles kann.“
  • Schnelle klare Anweisungen; wenn die nicht funktionieren, sofort dafür eine spielerische Übung machen.
    z.B.: Einige Kinder sitzen oder stehen nicht optimal
    Schnelle, klare Anweisung z.B.: Position 1 – einige Kinder machen das nicht mit, dann üben wir als Auflockerung kurz die Positionen!
    Evtl. darf ein „braves“ Kind die Ansagen machen, welche Position geübt werden sollte. (vgl. DVD „ Das Instrument Stimme“ 4.3)

Wichtig für alle Gruppen:

Alle Chormitglieder müssen sich gefordert fühlen!

z.B.:
Gibt es Kinder in einer Gruppe, die neue Lerninhalte bereits können, so muss man diese Lerninhalte für diese Kinder erweitern, kreativ gestalten.

Extrembeispiel:

Gruppe übt Arbeitsblatt Nummer 11, das „la“

Einige Kinder singen aber bereits ziemlich alles vom Blatt.

Möglichkeiten der Einbindung der bereits fortgeschrittenen Kinder:

  • Ein Kind macht Übung vor (dabei evtl. besondere Aufmerksamkeit auf Klang, Intonation usw. lenken)
  • Kinder erfinden eine zweite/dritte Stimme zur gedruckten einfachen Übung.
  • Es werden immer wieder Tonübungen ohne Noten dazwischen gemacht, bei denen nur die fortgeschrittenen Kinder jene Töne singen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht etabliert waren.

(Noten an der Hand, welche die Notenzeile wiederspiegelt, anzeigen – damit kann man auch ein visuelles/akustisches Reaktionsspiel machen)

Funktioniert zu einem Zeitpunkt in der Probe etwas absolut nicht, so üben wir diesen Aspekt für sich alleine (als Spiel)

Wie zum Beispiel:
Halten von Noten
Körperposition
Aussprache
Klang

Wichtig dabei:

Nicht zu lange bei einem einzelnen Aspekt verharren!

 

4.2.3 Psychologische Grundpfeiler der wirth method